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Okinawa ist selbst mir halbgebildetem Wesen
mittlerweile ein fester Begriff. Nicht ganz so fest stand für mich allerdings bis letzte
Woche die genaue Position und Ausdehnung selbiger Präfektur. Und erst im Flugzeug
in Naha umsteigen musste ich erkennen, dass die von mir anvisierte Insel, auf der
ein JET Kollege tätig ist, knapp vor Taiwan liegt, womit sich nachträglich auch der
vergleichsweise hohe Flugpreis und die lange Anreise erklärt.
Das Inselgrüppchen Miyako versteht sich als
der deutschen Kultur besonders verbunden, seitdem Ende des 19. Jahrhunderts acht Deutsche
am ausladenden (und den Schnorchelfreund einladenden) Korallenriff der Haupt-insel
Schiffbruch erlitten. Die im Dienste Wilhelm I. stehenden Seeleute wurden von den
Inselbewohnern gerettet und soweit gesundgepflegt, daß sie sich auf die Heimreise machen
konnten und danach sogar noch genug Energie hatten, den deutschen Herrscher für das ferne
Miyako zu begeistern. Ein "Gedenkstein der Brüderlichkeit" erinnert an dieses
Ereignis des Jahres 1873. Gut 100 Jahre später hat sich im Zuge kultureller
Austauschbemühungen und im Rahmen der bubble economy ein japanisches Expeditionskommando
seinerseits nach Deutschland spülen lassen. Der Wunsch, eine echte Burg mit nach Japan zu
nehmen, konnte den Besuchern von deutscher Seite zwar nicht erfüllt werden, doch thront
heute zumindest eine Kopie der Marksburg in originalgetreuer Disneymanier inmitten
weiterer architektonischer Schmuckstücke. Der voreingenommene - da deutsche! - Besucher
ist verwirrt angesichts fremd wirkenden Deutschtümelns vor Palmenhintergrund. Dezente
Wahnvorstellungen - morgens, im Halbschlaf - von Ernst Mosch und seinen original
Egerländern entpuppen sich als bittere musikalische Wahrheit - bei dieser Art
Hintergrundmusik hilft nur die Flucht in die Natur! Der Herr Kollege präsentiert die
zahlreichen Strände seiner Insel: weißer Sand, aquamarinfarbenes Wasser und eine
Wassertemperatur, von der die Ostsee um diese Jahreszeit nur träumen kann. Das alles
wirkt auf den ersten Blick paradiesisch, fast zu schön um wahr zu sein... Ist es auch
nicht!
Tonnenweise angeschwemmter Müll hat sich in
Bäumen, Büschen und Felsspalten verfangen. Bizarre Müllformationen überziehen weite
Teile der Strände und legen Zeugnis ab von unserer Gegenwartskultur. Wir Deutschen sind
nicht die einzigen, die davon berührt sind. Der notorische Abenteurer der Insel hat seit
etwa einem Jahr damit begonnen, in einem privat organisierten Pilot-Umweltprojekt einen
der Strände aufzuräumen. Die gefundenen Gegenstände können Besucher in seiner
einfachen Strandhütte betrachten. Nach Gattung, Form und Farbe sortiert, besitzen der
Müll plötzlich eine eigentümliche, fast ästhetische Qualität.
Bevor wir uns verabschieden, schenkt mir der erste
Umweltschützer Miyakos ein kleines Stück Treibholz, das er am Strand gefunden und
poliert hat und dessen Oberfläche wie durch Rauch nachgedunkelt wirkt. Einen zarten
Anflug dieses Geruchs vermeine ich seitdem zuhause wahrzunehmen. Weitaus präsenter
allerdings ist die Gegenwartsgeschichte in Form von Gerhard Schröder, welcher der
Namenspatron für die Hauptstraße der Insel ist - auf Japanisch klingt das etwa wie
"Schreedaa Doori" - und an dessen mehrstündige Anwesenheit anlässlich des
Gipfeltreffens auf Okinawa diverse über die Insel verteilte Gedenksteine erinnern.
Rasante Abbiegemanöver werden durch die Platzierung selbiger an allen größeren
Straßenkreuzungen damit im Keim erstickt, wobei bereits bei Überschreitung der gängigen
Fortbewegungs-geschwindigkeit von 35 km/h mit Havarien zu rechnen ist. Ob die
Inselbewohner den fremden Besucher nach Demolieren eines solchen Steines retten und
pflegen würden, scheint fraglich.
Barbara Roth, im Rahmen des JET-Programms
zur Zeit in Japan
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