Deutsch-Japanische Gesellschaft Berlin
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 


Barbara Roth: Exotik

Okinawa ist selbst mir halbgebildetem Wesen mittlerweile ein fester Begriff. Nicht ganz so fest stand für mich allerdings bis letzte Woche die genaue Position und Ausdehnung selbiger Präfektur. Und erst im Flugzeug – in Naha umsteigen – musste ich erkennen, dass die von mir anvisierte Insel, auf der ein JET Kollege tätig ist, knapp vor Taiwan liegt, womit sich nachträglich auch der vergleichsweise hohe Flugpreis und die lange Anreise erklärt.

Das Inselgrüppchen Miyako versteht sich als der deutschen Kultur besonders verbunden, seitdem Ende des 19. Jahrhunderts acht Deutsche am ausladenden (und den Schnorchelfreund einladenden) Korallenriff der Haupt-insel Schiffbruch erlitten. Die im Dienste Wilhelm I. stehenden Seeleute wurden von den Inselbewohnern gerettet und soweit gesundgepflegt, daß sie sich auf die Heimreise machen konnten und danach sogar noch genug Energie hatten, den deutschen Herrscher für das ferne Miyako zu begeistern. Ein "Gedenkstein der Brüderlichkeit" erinnert an dieses Ereignis des Jahres 1873. Gut 100 Jahre später hat sich im Zuge kultureller Austauschbemühungen und im Rahmen der bubble economy ein japanisches Expeditionskommando seinerseits nach Deutschland spülen lassen. Der Wunsch, eine echte Burg mit nach Japan zu nehmen, konnte den Besuchern von deutscher Seite zwar nicht erfüllt werden, doch thront heute zumindest eine Kopie der Marksburg in originalgetreuer Disneymanier inmitten weiterer architektonischer Schmuckstücke. Der voreingenommene - da deutsche! - Besucher ist verwirrt angesichts fremd wirkenden Deutschtümelns vor Palmenhintergrund. Dezente Wahnvorstellungen - morgens, im Halbschlaf - von Ernst Mosch und seinen original Egerländern entpuppen sich als bittere musikalische Wahrheit - bei dieser Art Hintergrundmusik hilft nur die Flucht in die Natur! Der Herr Kollege präsentiert die zahlreichen Strände seiner Insel: weißer Sand, aquamarinfarbenes Wasser und eine Wassertemperatur, von der die Ostsee um diese Jahreszeit nur träumen kann. Das alles wirkt auf den ersten Blick paradiesisch, fast zu schön um wahr zu sein... Ist es auch nicht!

Tonnenweise angeschwemmter Müll hat sich in Bäumen, Büschen und Felsspalten verfangen. Bizarre Müllformationen überziehen weite Teile der Strände und legen Zeugnis ab von unserer Gegenwartskultur. Wir Deutschen sind nicht die einzigen, die davon berührt sind. Der notorische Abenteurer der Insel hat seit etwa einem Jahr damit begonnen, in einem privat organisierten Pilot-Umweltprojekt einen der Strände aufzuräumen. Die gefundenen Gegenstände können Besucher in seiner einfachen Strandhütte betrachten. Nach Gattung, Form und Farbe sortiert, besitzen der Müll plötzlich eine eigentümliche, fast ästhetische Qualität.

Bevor wir uns verabschieden, schenkt mir der erste Umweltschützer Miyakos ein kleines Stück Treibholz, das er am Strand gefunden und poliert hat und dessen Oberfläche wie durch Rauch nachgedunkelt wirkt. Einen zarten  Anflug dieses Geruchs vermeine ich seitdem zuhause wahrzunehmen. Weitaus präsenter allerdings ist die Gegenwartsgeschichte in Form von Gerhard Schröder, welcher der Namenspatron für die Hauptstraße der Insel ist - auf Japanisch klingt das etwa wie "Schreedaa Doori" - und an dessen mehrstündige Anwesenheit anlässlich des Gipfeltreffens auf Okinawa diverse über die Insel verteilte Gedenksteine erinnern. Rasante Abbiegemanöver werden durch die Platzierung selbiger an allen größeren Straßenkreuzungen damit im Keim erstickt, wobei bereits bei Überschreitung der gängigen Fortbewegungs-geschwindigkeit von 35 km/h mit Havarien zu rechnen ist. Ob die Inselbewohner den fremden Besucher nach Demolieren eines solchen Steines retten und pflegen würden, scheint fraglich.

Barbara Roth, im Rahmen des JET-Programms zur Zeit in Japan

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