Manga-News

Interview mit der Gewinnerin des 8. Manga-Wettbewerbs der DJG Berlin:
Frau Klara Scheller

Mittlerweile ist es nun schon über ein halbes Jahr her, seit die prämierten Arbeiten des 8. Manga-Wettbewerbs zum Thema: „Ich muss nach Berlin/Tokio“ im Berliner Rathaus präsentiert wurden. Zur Vernissage und Preisverleihung am 15.November 2019 waren viele Gewinner persönlich anwesend. Auch die Gewinnerin des Hauptpreises – eines Hin- und Rückfluges nach Japan durch die ANA mit zweiwöchigem Homestay, Frau Klara Scheller, kam eigens aus Halle angereist. Ihr Manga “Hiki-Host“ setzt sich mit einem gesellschaftlichen Problem auseinander, das nicht nur in Japan bekannt ist: Hikikomori.

K.H.: Frau Scheller, was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie bereits im Vorab die Gewinnernachricht erhielten?

 

K.S.: Ich dachte… Was? Wirklich?? Ich konnte es gar nicht fassen und habe mich riesig gefreut. Ich kenne den Wettbewerb schon seit einigen Jahren, und freue ich, dass es diese Art des Austausches gibt. Ich erinnere mich, dass ich als junges Mädchen am Wettbewerb teilnahm, und auch den dritten Platz erhielt. Ich unterhielt mich sehr lange mit einer der Jurorinnen über meinen Manga – wir sprachen über Bildaufteilung und Kontraste. Ich habe versucht, dieses Wissen bei „Hiki-Host“ anzuwenden. Also war die Freude umso größer, dass meine Arbeit sich gelohnt hat, und so geehrt wurde.

 

K.H.: Das Thema Ihrer Geschichte berührt ein sensibles Thema. Der junge Japaner Morishita Takuya traut sich seit langer Zeit nicht mehr aus seiner Wohnung. Er wird vom jungen Deutschen Martin Sommer, der an seine Wohnungstür anklopft, um nach dem Weg zu fragen, schließlich dazu bewegt, mit Martin nach draußen zu gehen. Das Thema „Hikikomori“ ist in Deutschland weniger bekannt, obwohl es ein globales Phänomen ist. Was hat Sie dazu bewegt, sich in Ihrer Geschichte mit diesem Thema zu befassen?

 

K.S.: Ich glaube mein Hauptinteresse lag an der psychischen Gesundheit. Wissen Sie, wir leben in einer Gesellschaft, in der die Gesundheit des Körpers als sehr wichtig gehandelt wird. Mittlerweile wird auch mehr über psychische Probleme geredet, aber lange wurden sie durch Unwissen und Scham verschwiegen.

Soweit ich in meiner Recherche herausgefunden habe, werden in Japan bei den Hikikomori keine psychischen Probleme diagnostiziert, doch bei einer Studie in Spanien hieß es, dass häufig depressive Störungen und Traumata eine Rolle spielen. Wir Menschen leben in immer größeren Städten und Gesellschaften, und ich glaube, dass sich das stark auf unsere Psyche auswirkt. Wir lernen in der Schule sehr viel, aber nicht, wie wir mit emotionalen Problemen umgehen können. Ich finde das Thema Hikikomori in der Hinsicht interessant, dass wir davon ausgehen, dass wir alle Teil dieser Gesellschaft sind, in der wir auf eine bestimmte Art und Weise zu funktionieren haben. Wenn man das nicht kann, fällt man aus dem System. Aber das System ist nicht für alle geeignet, und es gibt Gründe, warum Menschen das Bedürfnis haben, sich aus der Gesellschaft zurückzuziehen. Ich kann das bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen und wollte deshalb darüber erzählen.

 

K.H.: In Ihrer Geschichte gelingt es dem Protagonisten Martin, durch seine offene und neugierige Art den jungen Japaner Morishita Takuya aus seinem persönlichen Rückzug herauszulocken. Glauben Sie, dass die Eigenschaft der Neugier uns dazu bewegen kann, sich über unsere Grenzen hinaus in unbekanntes Terrain zu wagen?

K.S.: Auf jeden Fall! Leider führt sie auch dazu, dass man manchmal seine Nase in Angelegenheiten steckt, die einen nichts angehen. Ich versuch zurzeit, meine Neugier etwas zu zügeln, um anderen nicht auf die Füße zu treten.

 

 

K.H.: Was mich persönlich sehr beeindruckt hat, war der Perspektivwechsel, den Sie in Ihrer Geschichte künstlerisch, wie ich glaube, sehr gut dargestellt haben. Glauben Sie, dass uns ein Perspektivwechsel in unserer Betrachtungsweise sensibler gerade für dieses Thema machen kann?

 

K.S.: Das hoffe ich sehr. Empathie hilft fast immer, auch wenn es manchmal nicht leicht ist, den Menschen vor sich zu verstehen. Bei Martin und Takuya in der Geschichte hat sich sehr schnell eine Zuneigung entwickelt, durch die sie sich einander anvertrauen konnten. Das geht nicht immer so schnell. Manchmal kann man einen Menschen vor sich einfach nicht verstehen. Perspektivwechsel und Geduld können uns sicherlich helfen, andere um uns herum zu verstehen.

 

K.H.: Frau Scheller, die Flüge waren bereits gebucht, dann brach die Corona-Krise über uns herein. Bedingt durch massive Reiseunsicherheiten in naher Zukunft haben Sie sich dazu entschieden, erst im nächsten Jahr zu reisen. Wie hat Sie die globale Krise persönlich berührt? Glauben Sie, dass Sie diese Erfahrungen künstlerisch umsetzen können?

 

K.S.: Nun, ich denke, dass unweigerlich etwas davon in meine Arbeiten einfließen wird. Kunst oder Geschichten sind ja meist auch Produkte ihrer Zeit. Wenn man künstlerisch arbeitet, wird unweigerlich ein Teil von uns und ein Teil unserer Zeit ins Werk einfließen, denke ich. Der Anfang der Coronazeit war am schlimmsten, das ganze Abwarten und Nachrichten hören. Mittlerweile geht es wieder, die erste Aufregung ist abgeflaut. Über die Krankheit selbst bin ich weniger besorgt als über die langfristigen Folgen; vor allem in Ländern, die schlechter versorgt sind als Deutschland.

K.H. Frau Scheller, wir bedanken uns für dieses Interview und wünschen uns sehr, dass Sie auch beim nächsten Manga-Wettbewerb der DJG Berlin, der 2021 stattfinden wird, teilnehmen werden. Alles Gute für Sie!

Das Interview führte Frau Kirsten Hoheisel. Sie ist Vorstandsmitglied der DJG Berlin und Projektleiterin des Manga-Wettbewerbs der DJG Berlin.

Berlin, 24.07.2020

 

News Dezember

Einladung zur Finissage der prämierten Arbeiten des Manga-Wettbewerbs der DJG zum Thema „Ich muss nach Berlin/Tokyo“

Die Gewinnerbeiträge unseres diesjährigen Manga-Wettbewerbs sind seit dem 15.11.2019 im Umlauf des Berliner Rathauses ausgestellt. Vielleicht hatten Sie schon Gelegenheit, die spannenen Beiträge zu besichtigen. Eine letzte Möglichkeit dazu gibt es am 13.12.2019. Dann verabschieden wir während unserer Finissage die ausgestellten Arbeiten, bevor wir sie nach Tokyo schicken. Dort werden sie durch unsere Schwestergesellschaft, der JDG Tokyo, ausgestellt. Während unserer Finissage präsentiert Frau Marianna Poppitz einen Vortrag zum Thema „Verwendung von Stadtansichten von Berlin und Tokyo in Mangageschichten“. Der Chor der DJG wird uns musikalisch begleiten.

Zeit:  Freitag, 13.12.2019 um 18.00 Uhr

Ort:   Säulensaal des Berliner Rathauses, Rathausstraße 15, 10178 Berlin

BVG: S- und U-Bahnhof Alexanderplatz S5, S7, U5, U8, U2; U-Bahnhof Klosterstraße U2; Bus Berliner Rathaus M48 , 248; Spandauerstr./Marienkirche 100,200, TXL

Freier Eintritt ohne Anmeldung

News Oktober

Studio Ghibli – Animekunst auf höchstem Niveau
Ein Artikel von Dr. Verena Materna

Als 1998 „Prinzessin Mononoke“ auf der Berlinale seine deutsche Erstaufführung hatte, galten dieser Animationsfilm und das Studio Ghibli hierzulande noch als Geheimtipp. Obwohl damals schon viele Insider vom Charakter-Design und der emotional aufwühlenden Geschichte mit starkem Umweltbezug schwärmten, dauerte es noch drei Jahre, bis dieser Film ins deutsche Kino kam und später über die Veröffentlichung auf DVD und die Ausstrahlung im deutschen Fernsehen ein größeres Publikum erreichen konnte. In Japan schlug „Prinzessin Mononoke“ bereits 1997 alle Rekorde und war der bis dahin erfolgreichste Kinofilm im Lande – erfolgreicher sogar als James Camerons „Titanic“. Doch schon 2002, als „Chirohiros Reise ins Zauberland“ im Wettbewerb auf der Berlinale gezeigt wurde, war der Erfolg auch international unübersehbar. Der Film gewann den Goldenen Bären und wurde 2003 bei den darauffolgenden Academy Awards mit dem Oscar als „Bester Animationsfilm“ ausgezeichnet.

Doch was ist eigentlich das Besondere an den Animationsfilmen von Ghibli? Optisch beeindrucken vor allem die zeichnerische Qualität und Detailgenauigkeit. Die Charaktere sind liebevoll gestaltet und es ist leicht, mit ihnen mitzufühlen. Darüber hinaus sind die übrigen Bildteile und Settings fast noch aufwändiger gestaltet als die Figuren. Holzbalken und Pflanzen, ebenso wie die Details an Gebäuden und die Alltagsgegenstände wirken oft so echt, dass man fast vergisst, dass alles nur gezeichnet ist. Solchen Meisterwerken des Animationsfilms gehen umfangreiche und langwierige Recherchen voraus. Aber es lohnt sich. Abgerundet durch die ebenso sorgfältig produzierte Filmmusik ist jeder der Filme ein Kunstwerk, das einen bleibenden Eindruck hinterlässt.

Das Studio Ghibli wurde 1985 gegründet, kurz nachdem der Film „Nausicaä aus dem Tal der Winde“ von Hayao Miyazaki 1984 sehr erfolgreich im japanischen Kino lief. Dieser Film wird häufig schon als Ghibli-Film mitgezählt, obwohl er bereits vor der Gründung entstand. Die Arbeiten des Studios sind maßgeblich geprägt von Hayao Miyazaki und Isao Takahata, die beide über die Jahre sehr erfolgreiche und immer wieder auch preisgekrönte Filme produziert haben. Es gibt einige Grundthemen, denen sich die Ghibli-Filme wiederholt widmen. So wird der Umgang mit der Natur bzw. ihre Zerstörung immer wieder aufgegriffen, u. a. in „Prinzessin Mononoke“ über Raubbau des Menschen an der Natur am Beispiel des Bergbaus, in „Pom Poko“ über das Zusammenleben von japanischen Marderhunden (Tanuki) mit den Menschen oder auch in „Ponyo – Das große Abenteuer am Meer“. Das Thema Krieg und seine Auswirkungen wird ebenfalls aus verschiedenen Blickwinkeln bearbeitet, z. B. in „Das wandelnde Schloss“, in dem u. a. die Bombardierungen im Krieg dargestellt werden oder in „Wie der Wind sich hebt“, einem Film über die Geschichte des Flugzeugkonstrukteurs Jiro Horikuchi, die überwiegend in den 1930er Jahren spielt. Besonders bewegend ist der Film „Die letzten Glühwürmchen“, der unter der Leitung von Isao Takahata entstand und die Geschichte von zwei Waisenkindern erzählt, die 1945 kurz vor dem Kriegsende dem alltäglichen Leid ausgesetzt waren. Obwohl dieser Film ab 6 Jahren freigegeben ist, handelt es sich hierbei nicht um einen Kinderfilm im klassischen Sinne und ist selbst für Erwachsene keine leichte Kost.

Doch es gibt sie, die fröhlich-leichten Anime-Filme von Ghibli, die Groß und Klein in ein angenehmes Sonntag-Nachmittag-Gefühl versetzen. Allen voran ist hier „Mein Nachbar Totoro“ zu nennen, dessen Titelsong wohl jeder in Japan kennt. Die Geschwister Satsuki und Mei erleben hier nach einem Umzug auf das Land eine ganze Menge Abenteuer mit dem freundlichen Totoro, der auch das Maskottchen des Studio Ghibli geworden ist. Mindestens ebenso beliebt ist der Film „Kikis kleiner Lieferservice“ über eine kleine Hexe, die nun langsam erwachsen wird, aus dem Elternhaus fortgeht und den Weg in die Selbständigkeit wagt. Abenteuer rund um die Fragen, wie finde ich neue Freunde, wie bestreite ich auch finanziell mein eigenes Leben und die Übernahme von Verantwortung, lassen das Publikum mitfiebern und sich freuen, wenn schließlich der Erfolg eintritt.
Fans aus aller Welt waren aufs Neue begeistert, als im Herbst 2001 das Ghibli-Museum in Mitaka – einem Vorort von Tokyo – eröffnet wurde. Von außen ist es ein harmonisch-buntes Gebäude, von innen eine kleine Wunderwelt, in der man viele Originalzeichnungen und -entwürfe bestaunen kann. Jüngere Kinder können hier im Plüsch-Katzen-Bus aus dem Totoro-Film herumtoben und man kann eigens für das Museum produzierte Kurzfilme anschauen, z. B. über die kleine Raupe Boro. Da das Museum nur begrenzt Raum bietet, ist täglich nur eine begrenzte Besucheranzahl zugelassen und es ist erforderlich, die Eintrittskarten vorzubestellen (nähere Informationen unter:  http://www.ghibli-museum.jp/en/). Der Besuch ist auf jeden Fall empfehlenswert!

Nach einer kleinen Pause wurde seitens des Studios 2017 berichtet, dass Hayao Miyazaki wieder die Arbeit an einem neuen Film aufgenommen hat. Wir dürfen also gespannt sein. Vielleicht gibt es ja schon in Kürze ein neues Anime zu bestaunen.