Junges Japan

Ein besonderer Abend- Die „Junge Gruppe“ zu Besuch bei der Teemeisterin Frau Nobuko Sugai-Baumgarten von Kirsten Hoheisel

Seit wir uns im Sommer 2018 als „Junge Gruppe“ der Deutsch-Japanischen Gesellschaft Berlin e.V. fanden, trafen wir uns bisher einmal im Monat, um bei japanischem Essen Projekte zu besprechen, ins Museum zu gehen oder einfach, um über unser Interesse an Japans Kultur zu reden.

Am 17. Dezember trafen wir uns letztmalig 2018 zu einem ganz besonderen Abend. Frau Nobuko Sugai-Baumgarten ist Teemeisterin und Präsidentin des Chado Urasenke Teeweg-Vereins Berlin e.V. Sie lud uns zu sich nach Hause ein, um für uns gemeinsam mit jungen Mitgliedern des Berliner Vereins eine Teezeremonie zu veranstalten. Natürlich freuten wir uns riesig über die große Ehre, bei einer Teemeisterin zu Gast sein zu dürfen und trafen uns entsprechend aufgeregt um 17.15 Uhr in Dahlem. Frau Sugai-Baumgarten empfing uns gemeinsam mit den jungen Mitgliedern der Teeschule Naoko, Tjaša und William. Schnell entwickelte sich bei uns jungen Leuten eine vertraute Atmosphäre und wir waren neugierig, wie wir zu unserem gemeinsamen Interesse an der Kultur Japans gefunden hatten.

Tjaša zum Beispiel erzählte, dass sie sich schon seit langer Zeit für den Kimono und damit auch für die Traditionen und die Kultur Japans interessiert. In Berlin fand sie im Chado Urasenke Teeweg-Verein die Möglichkeit, einen ganz besonderen Aspekt dieser Kultur kennenzulernen.

Wir erfuhren von Frau Sugai-Baumgarten, dass der Teeweg, in der japanischen Sprache Chado oder auch Sado genannt, mit seinen vier Leitgedanken „Harmonie, Respekt, Reinheit und Stille“ seit mehr als vierhundert Jahren in der japanischen Kultur tief verwurzelt ist.

Naoko erzählte, dass sie in ihrer Heimat Japan als Schülerin diese Tradition zunächst altmodisch fand, bestenfalls geeignet für die Oma. Dennoch erhielt sie Einblicke in einem speziellen Fach auf der privaten Mädchenschule, welche sie besuchte. Hier lernte sie neben Umgangsformen auch einiges über die Bedeutung der Teezeremonie. Später entdeckte Naoko als junge Frau ihr Interesse an den besonderen und einzigartigen Traditionen ihres Heimatlandes.

William ist nicht nur junges Mitglied des Teeweg-Vereins, sondern auch Student und war daher sofort auf gleicher Interessenebene wie die Studenten unserer „Jungen Gruppe“. Denn auch wir wurden nun gefragt, woher unser Interesse für die japanische Kultur kommt. Die Antworten waren vielfältig aber auch ähnlich.

Der „Einstieg“ war bei den meisten von uns die japanische Popkultur, also Manga und Anime. Interessant war, dass sich Naoko als Kind in Japan eher für englische und amerikanische Popkultur begeisterte.

Nach dem kurzen Austausch begann die eigentliche Teezeremonie. Frau Sugai-Baumgarten hatte sie für uns als Ryurei-Teezeremonie vorbereitet. Diese Art der Teezeremonie wird an einem speziellen Tisch ausgerichtet. Von der Urasenke -Schule wurde vor fast 150 Jahren diese Art der Teezeremonie für internationale Gäste entwickelt. Wir sind der Urasenke-Schule für diese Entwicklung dankbar. Denn bei allem Japan-Enthusiasmus: Eingeschlafene und kribbelnde Beine beim längeren Knien auf Tatamimatten sind oft das Los für ungeübte Besucher.

                                                 

Naoko, Tjaša bei der Teebereitung

In ehrfürchtiger Stille schauten wir zu, wie Naoko und Tjaša für uns nun Matcha zubereiteten. Matcha ist ein grüner Pulvertee, der mit heißem Wasser aufgeschlagen wird. Wer das schon einmal ungeübt in den eigenen vier Wänden probiert hat, weiß aus Erfahrung, dass es nicht so einfach ist. Es bedarf viel Übung, um die schaumige Konsistenz von Matcha-Tee zu erreichen. Naoko und Tjaša hatten nicht nur die Professionalität für die Zubereitung, wir bewunderten auch das Gleichmaß und die große Ruhe in ihren Bewegungen. Leise erklärte uns dabei Frau Sugai-Baumgarten, dass es zwei Arten von Matcha gibt: „Usucha“ (aufgeschlagener leichter Tee) und „Koicha“ (aufgerührter starker Tee). Für jeden von uns wurde nun eine Schale „Usucha“ bereitet und einzeln überreicht. Wir bewunderten die schönen Teeschalen, welche Einzelstücke sind.

Handgefertigte Einzelstücke Tjaša überreicht den Tee

Tradition, ein hohes Maß an Ästhetik und Handwerkskunst sind ein fester Bestandteil der japanischen Kultur. Frau Sugai-Baumgarten zeigte uns einige der schönen Schalen, welche aus einer Manufaktur in Kyoto stammen, wo diese schon in der 16. Generation hergestellt werden. Die auf dem Foto abgebildete Schale wurde von der Keramikerin SUGITA Maryū in der 5. Generation Seikanji-gama gefertigt.

Natürlich werden die schönen Schalen nicht nach Gebrauch in nachlässiger Weise verstaut. Man lässt sie nach dem Teetrinken für zwei Tage trocknen, um sie dann in einem extra gefertigten Behälter sicher vor dem nächsten Erdbeben aufzubewahren.

Aufbewahrungsbehälter für Teeschalen Frau Sugai-Baumgarten zeigt uns ihre Zertifikate 

Unsere Fragen, die kein Ende nehmen wollten, beantworteten Frau Sugai-Baumgarten, Naoko, Tjaša und William geduldig:

Gibt es ein Zertifikat für das Zubereiten des Tees? Ja, es gibt z.B. ein Zertifikat, dass man Schüler der Teeschule ist. Dieses ist auch das erste Zertifikat, welches man erhält. Sonst sind Zertifikate auch dafür da, dass man eine bestimmte Zeremonie üben (lernen) darf. Frau Sugai-Baumgarten ließ uns einen Blick auf ihre Zertifikate werfen, welche einen ganzen Kasten beanspruchten.

Gibt es Prüfungen für das Zubereiten des Tees? Nein, die gibt es nicht.

Seit wann können auch Frauen Teelehrerinnen und Teemeisterinnen werden? Es gab schon früher Teemeisterinnen. Aber erst seit der Öffnung Japans im 19. Jahrhundert ist das populär geworden.

Gibt es Arbeitsgemeinschaften in Japans Schulen zum Thema Teezeremonie? Ja, es gibt allerorts derartige Arbeitsgemeinschaften.

Welchen Stellenwert hat die Teezeremonie heute in Japan? Die Teezeremonie hat in Japan heutzutage einen sehr hohen traditionellen und historischen Wert. Man kann natürlich im Tempel, im Museum oder an bestimmte Orten Teezeremonien erleben. Menschen, die sich mit dem Teeweg beschäftigen, erhalten zu bestimmten Anlässen Einladungen für besondere Teezusammenkünfte, welche immer eine besondere Form (traditionell handgeschrieben) haben und in gleicher Weise beantwortet werden sollten.

Die Stunden unseres Zusammenseins vergingen schnell. Für uns war klar, dass wir uns in Zukunft weiter austauschen möchten.

Die Tradition des Urasenke Teewegs: wa“ “kei“,“sei“ „jaku“ (Harmonie, Hochachtung, Reinheit, Stille), welche sich von Kyoto weltweit ausbreitete, hatte für uns als Besucher in der hektischen Vorweihnachtszeit eine besondere Bedeutung.

Innehalten für einen kurzen Zeitraum abseits einer fortwährenden medialen Präsenz.